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  • Nicole Kohlmann

28.000

Im Durchschnitt verbleiben einem Menschen 28.000 Tage. Mir bleiben wahrscheinlich noch 17.050 Tage. 17.050 mal aufstehen & schlafen gehen, unzählige Nächte in denen ich mit Freunden im Sommer, Winter oder im Regen oder Schnee durch die Strassen laufen kann, das ein oder andere Glas Wein zu viel trinke, für eine Tasse Kaffee zusammen sitze, den Mann an meiner Seite lieben & küssen darf, lachen bis mir der Bauch weh tut, weinen, fühlen, verzweifeln, Fehler machen, viele Bücher lesen, Zeit mit Menschen verbringen die ich liebe & die mich lieben, ehrliche Worte sprechen, mich selber fühlen, Sport treiben, meditieren, schreiben, durchdrehen, mich ausprobieren, mutig sein, Abenteuer erleben, Menschen kennen lernen, glücklich sein, Ich sein, an meine Grenzen kommen, sie vielleicht auch überschreiten, aber vor allem werde ich niemals aufgeben. Denn wenn mir dieses Buch eines wieder ins Bewusstsein gerufen hat, dann das Aufgeben keine Option ist! Danke Lars Amend für deine ehrlichen, motivierenden Worte in deinem Buch „Why Not?“


Ich wurde in meinem Leben schon einmal von einigen Menschen abgeschrieben. Ich erhielt vor 11 Jahren die Diagnose Borderline. Mit dieser Diagnose erhielt ich einen Stempel und eine mit Vorurteilen behaftete, sichtbare Leuchtreklame für Menschen mit Vorurteilen. Ich gehörte für die Mehrzahl der Menschen die mir im laufe der Jahre begegnet sind zu der Gruppe von Erkrankten, die schwierig sind, viel Arbeit machen und denen man eh nicht helfen kann, da es sich bei Borderline um eine Persönlichkeitsstörung handelt, die an einer Person haftet wie Pech.

Als ich die Diagnose hatte und ich mit noch nicht mal 20 Jahren gefühlt am Ende war und so nicht mehr weiter Leben konnte und wollte, musste ich mich für einen Weg entscheiden. Rechts oder links, ja oder nein. Wirklich spannend kann ich es dir nicht machen, denn du liest gerade einen Text, den ich verfasst habe. Allerdings möchte ich dir verraten, für welchen Weg ich mich entschieden habe und wie ich den ein oder anderen Hinkelstein auf meinem Weg - bildlich gesprochen, mit Flaschenzugtechnik und anderen Manövern aus dem Weg geräumt habe.


Probleme fürs Sterben zu klein und fürs Leben zu groß.


2008 habe ich also eine Entscheidung getroffen wie mein Leben verlaufen könnte. Anfangs hatte ich mich dazu entschlossen,, mit gerade mal 18 Jahren ein Opfer zu sein, kaum Grenzen zu kennen und mich in Selbstmitleid zu suhlen. Ich habe bis zum Himmel gestunken. Ich konnte mich selbst nicht riechen und leiden und die ganze Welt war gegen mich. Bis ich durch eine damalige Schulfreundin J.K. begriff, dass wenn ich so weiter mache, ich mein Leben gegen die Wand fahre. Anscheinend gab es damals einen Anteil in mir der irgendwie wollte , dass ich kämpfe und das Steuer nochmal herumreise. Ich wollte doch endlich einfach nur glücklich sein, leben und meine Vergangenheit hinter mir lassen. Also habe ich meinen Kopf aus dem Sand gezogen, die Tränen weggewischt, mich aufgerichtet, durchgeatmet und bin weiter gekrochen. Ich war noch lange nicht an dem Punkt, an dem davon gesprochen wird aufzustehen, die Krone zu richten und weiter zu gehen. Kriechen war damals für mich eine Meisterleistung auf die ich bis heute stolz bin.

Ich entschloss mich also für eine spezielle Therapie, kündigte auf ärztlichen Rat, meine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin, war weiterhin krankgeschrieben, begann ein Praktikum in der It-Branche mit weiterführender Ausbildung, nebenbei weiterhin Therapie. Jedoch schmiss ich auch diese Ausbildung, da ich einfach die Zeit in meine Gesundheit investieren wollte. Nach knapp einem Jahr Therapie hatte ich die Aufgabe, mir eine Arbeit zu suchen. Denn nur wenn ich bestimmte Auflagen erfüllte, bin ich für das nächste Modul meiner Therapie zugelassen worden. Am nächsten Morgen stand ich bei der Agentur für Arbeit. Ich war jung, ehrlich und trug mein Herz auf der Zunge. Zur Belohnung wurde mir nach einem langen Gespräch und dem ausfüllen hunderter Formulare, schließlich nahegelegt die Frührente zu beantragen.


Stille.


Selbst nach so vielen Jahren fühlt es sich immer noch an wie ein Schlag ins Gesicht. So heftig, dass mir gerade die Tränen über meine Wangen laufen. Dieser Schlag hinterließ „nur“ eine tiefe Platzwunde, die ich nicht habe ärztlich versorgen lassen, sondern selbst geklammert habe.

Ich sollte einem Amtsarzt vorgestellt werden, der ein Gutachten von mir erstellen sollte, ob oder wann ich vermittlungsfähig sei und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehe. Auf dieses Gutachten warte ich noch heute. Du sollst wissen, dass es nicht notwendig war persönlich vorstellig zu werden, es wurde anhand der Aktenlage und vorliegenden Papieren entschieden, wie mit mir weiter verfahren wurde. Mittlerweile habe ich fast Verständnis dafür und erkläre es mir so: Die Psyche ist nicht für jeder Mann sichtbar. Nicht auf den Ersten, nicht auf den Zweiten Blick. Dafür benötigt es ein geschultes Auge oder ein offenes Herz. Der damals zuständige Amtsarzt hatte anscheinend nichts von beidem - oder vielleicht doch? Vielleicht hatte er einfach nicht den Mut etwas anderes zu tun, als ihm vorgegeben wurde. Ich weiss ja dass man sich an Regeln und Verfahrensanweisungen halten muss. Mir wurde damals auch zu verstehen gegeben, dass ich durch das Raster falle und es für mich keine richtige Ablage gibt. Es hat sich für mich und meine Situation niemand zuständig oder verantwortlich gefühlt. Nebenbei hatte ich auch noch den zeitlichen Rahmen meines Krankengeldes ausgeschöpft und sollte Sozialhilfe und/oder Arbeitslosengeld II beantragen. Kurz um, ich bekam nichts. Nicht einen Cent, nicht eine müde Mark, keine Krankenversicherung, nichts. Meine Mum und mein damaliger Freund hielten mich finanziell über Wasser und unterstützen mich wo sie nur konnten. An dieser Stelle ein von Herzen kommendes Dankeschön. Das werde ich immer in Erinnerung behalten.

Da stand ich also, mit meinen Auflagen für die Therapie, die ich liebend gern erfüllen wollte, aber nicht konnte/durfte. Da stand ich also mit mir und Borderline. Da stand ich also und habe nicht aufgegeben. Ich bin weiter gekrochen und habe mich an jedem noch so dünnen Strohhalm hochgezogen und festgeklammert. Ich hatte die Klinik nun auch so weit, dass ich ohne das Erfüllen der Auflage, nur durch meinen starken, unermüdlichen Willen meine Therapie fortsetzen durfte.

Für einen kurzen Moment konnte ich die Augen schließen, durchatmen und mich entspannen, denn ich hatte wieder etwas geschafft. Ich war überzeugend, ich habe gekämpft, bin All- In und bin mit einem Full-House in der Tasche nach Hause.


Wo sich eine Türe schließt, kippt jemand ein Fenster.


Da nach dieser Anstrengung mein Blick wieder etwas klarer wurde, sah ich eine Chance für mich beim BDKJ in Bamberg und bewarb mich kurzer Hand für ein freiwillig soziales Jahr. Auch hier war ich offen, ehrlich und teilte schon in meinem Bewerbungsschreiben mit, dass ich mich in einer aktiven Rehabilitationsphase befinde und es während meines FSJs erforderlich ist für zwei mal 5 Wochen dieses zu unterbrechen, da es um meine Gesundheit ginge. Ich wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und durfte direkt im Landkreis in einem Altenpflegeheim Probearbeiten. Dessen Heimleitung teilte mir direkt mit, dass dem FSJ bei ihnen nichts im Weg stünde. Ich war überglücklich, denn ich hatte es geschafft. Ich war ehrlich, ich war zu mir gestanden, bekam eine Entlohnung für meine Arbeit, ich war versichert und hatte wieder eine Aufgabe und Struktur, was von enormer Wichtigkeit für mich, während der Genesungsphase war.

Ich erhielt meinen Vertrag und sollte ein paar Tage vor offiziellem Start noch die oberste Chefin dieses Unternehmens kennenlernen, da diese viel Wert darauf legt ihre Mitarbeiter persönlich zu begrüßen. Ich ging gut gelaunt und voller Freude und Dankbarkeit in dieses Gespräch, welche ich auch ausdrückte, da sie mir durch die Zusage ermöglichten, Fuß im Leben zu fassen.


TROMMELWIRBEL


Die Chefin war schockiert und verständnislos, mich unter der Vorgabe falscher Tatsachen hier zu bewerben usw. Sie meinte letzt endlich, dass ich diese Informationen verheimlicht hätte und somit nicht tragbar sei, da sie keinen Nutzen für mich hätten und rechnete aus, wie viel Arbeit ich denn leisten könnte. Sie sprach erneut mit der zuständigen Heimleitung ob meine Arbeit denn zufriedenstellend gewesen sei und blablabla. Für mich brach, während sie am Telefon war, eine Welt zusammen. Es wurde dunkel und ich wusste, wenn das jetzt nicht klappt, ist mein Leben vorbei, dann kann ich nicht mehr. Dann würde ich fallen. Keine Ahnung wie, aber ich habe weiter gekämpft, ich habe gepokert, denn ich hatte nichts zu verlieren, ich setzte alles, indem ich sie darauf aufmerksam gemacht habe, meine Bewerbungsunterlagen nicht präzise genug angesehen zu haben. Ich habe ihr angeboten, die Probezeit zu verlängern und unbezahlten Urlaub für meine Aufenthalte in der Klinik zu nehmen. Ich möchte dazu sagen, dass diese Dame nicht wusste um welche Art von Klinik es sich handelte oder welches Leiden ich hatte. Ich unterbreitete ihr mein Angebot und sie wollte sich am nächsten Tag bei mir melden um mir mitzuteilen welche Entscheidung sie getroffen habe.

Ich verließ das Gebäude und ging direkt zum BDKJ. Ich war und bin heute auch noch so dankbar wie sehr sich diese Menschen für mich eingesetzt haben. Sie wollten dass ich für meine Ehrlichkeit belohnt werde und nicht bestraft. Schließlich bekam ich am selben Tag noch die Zusage, dass mein FSJ im September 2011 starten würde.

Um das ganze abzukürzen. Ich habe mein FSJ beendet, habe meine Therapie abgeschlossen, war gesundet, habe eine Ausbildung zur Altenpflegerin im September 2012 begonnen und im September 2015 mit einem Examen von EINS KOMMA NULL abgeschlossen.

In your face Borderline, Arbeitsamt, Amtsarzt und an alle die nicht an mich geglaubt haben.


Und genau über diesen Abschnitt in meinem Leben bin ich mir in dieser Nacht bewusst geworden. Ich kann alles schaffen. Ich habe schon alles geschafft. Ich war eine kleine Hummel und bin geflogen, weil ich nicht wusste dass es nicht geht. Ich habe gestrugglet und mir alles Menschen mögliche abverlangt. Wauw.


In den letzten Jahren bin ich wieder in so einen Strudel hineingeraten und habe mich beeinflussen lassen, habe mir meinen Selbstwert wegnehmen lassen und habe zugelassen, dass andere meine Grenzen überschreiten. Ich habe verlernt mich zu lieben, zu akzeptieren und auf meine Intuition zu hören. Ich wünsche mir so sehr, wieder zurück zu mir zu finden und ich merke, wie ich gerade auf dem Weg dort hin bin. Es gibt keinen Grund mich zu schämen und schon gar nicht, dass ich als Kind Opfer vieler grausamer Vorfälle wurde und mich deshalb ins Leben zurückkämpfen musste. Ich gehöre zu den Menschen die Verantwortung übernehmen, die lebendig sind, ein großes Herz haben und immer an das Gute glauben. Es gibt keinen Grund mich zu verstecken oder etwas von meinem Leben aus zu lassen. Denn genau das bin ich.


Deine Nicole


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